1970
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Ideologische Struktur

Hauseingang Praterstraße 32

Jan 1970
Hauseingang Praterstraße 32

Muehl schildert in „Weg aus dem Sumpf“, wie er sich wahrnahm zu Beginn der Gründung der Praterstraßen WG: „als ich 1970 in einer 120 m2 (sic) grossen wohnung alleine sass, war mein KFleben zu ende. ich war 45 jahre alt. die lust an der kunst war mir total vergangen. es schien mir sinnlos, allein in der wohnung sitzend, kunst zu basteln, aktionen zu entwerfen. ich war kein künstler, der sich zurückzog, auf das leben und kommunikation mit anderen menschen verzichten konnte, um alle unerfüllten bedürfnisse durch kunst zu ersetzen. ich erkannte die wertlosigkeit der kunst. ich wollte kein solcher künstler sein. ich wollte dieses schmalspurleben des künstlers nicht. ich hatte immer kunst getrieben, um anderen zu beweisen, dass noch mehr in mir steckte, als ein armseliger, unfreier, durch die verhältnisse eingeengter kleinfamilienmensch.“ Muehl, Otto: Weg aus dem Sumpf. Nürnberg 1977, S. 179

Kommunen in Wien_Praterstrasse32.pdf
1971
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Freie Sexualität und "Therapie" – Hochbett Praterstraße?

Feb 1971
Freie Sexualität und "Therapie" – Hochbett Praterstraße?

Zunächst war die Auflösung der Zweierbeziehung noch nicht das erklärte Ziel der Praterstraßen-WG. Inspiriert durch die Lektüre der Werke von Wilhelm Reich und die Einführung von sogenannten „Sprechstunden“ (die Muehl später in „Aktionsanalyse“ umbenannte) begann die Debatte über Fragen der Sexualität und das Infragestellen der Zweierbeziehung.

Freie Sexualität.pdf
1973
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AA-Parabel

Jan 1973
AA-Parabel

Otto Mühl verfasst 1973 das Kommunemanifest. Unter anderem wird die Auflösung der Zweierbeziehung und des Privateigentums proklamiert. Das Leben selbst wird zur Kunst erhoben. Bild: AA-Parabel, aus: AAO. Pro & Contra. Kritische Stellungnahmen zur AAO. AA-Verlag 1977, S. 70.

1975
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Ideologische Struktur

Die Kommune nennt sich AAO / eine hierarchische Struktur wird eingeführt

Jan 1975

In der Kommune wird offiziell durch Otto Mühl eine Hierarchie (auch AA-Struktur genannt) eingeführt. Nach der von Otto Mühl erfundenen „Therapie-Methode“ (die weder Therapie war noch Methode zur hatte) „Aktionsanalyse“ nennt sich die Kommune ab 1975 „AAO – Aktionsanalytische Organisation“. In dieser frühen Zeit der Kommune geht es nun um das Anwerben neuer Mitglieder. Dazu werden die seit 1974 organisierten sogenannten „Kommunelehrgänge“ für Außenstehende angeboten. Zu Beginn nannte man sie „Kommune-Kurse“, ab 1975 „Selbstdarstellungskurse“, da man den Eindruck hatte, mit dieser Bezeichnung auf größeren Zuspruch von außen zu stoßen. Sie finden zunächst am Friedrichshof statt – vor allem für Interessent:innen aus Deutschland und der Schweiz. Infolgedessen schließen sich erste Stadtgruppen aus Berlin und Genf der AAO an. Otto Mühl fordert die Gäste der Lehrgänge auf, selbst weitere Kommunen zu gründen – es geht darum das ambitionierte Ziel einer weltumspannenden Kommunenorganisation (WCO) zu realisieren. Von Beginn an gab es also im räumlichen Sinne (Phantasie der Weltumspannung) wie im zeitlichen Sinne (Durchorganisation des Kommunealltags) und im strukturellen Sinne (Wille zur Hierarchie) einen totalitären Anspruch.


Im PDF: Die AA-Prinzipien, aus: Toni Elisabeth Altenberg: Mein Leben in der Mühl-Kommune. Freie Sexualität und kollektiver Gehorsam, Wien: Böhlau Verlag 1998, S. 49-52.

AA_Prinzipien_aus_Altenberg 1998.pdf
1976
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Otto Mühl malt wieder – Mal- und Zeichenkurse werden für alle verpflichtend

Jan 1976
Otto Mühl malt wieder – Mal- und Zeichenkurse werden für alle verpflichtend

Otto Mühl nimmt die Malerei wieder auf. Noch ein Jahr zuvor schreibt er in den AA-Nachrichten: "in der berufsrolle künstler wird die darstellung der krankheit, das kranksein selbst als beruf anerkannt. die produktion des künstlers ist nutzlose sinnlose produktion" (aus: AA Nachrichten, Heft 2/1975, S. 12.14) Ein Jahr später macht er künstlerischer Betätigung zur Pflicht: „Jeder ist Künstler!“ In Folge werden Mal- und Zeichenkurse für alle Kommunard:innen verpflichtend eingeführt. Eine Auseinandersetzung zum Umgang mit den Werken Mühls, die in der Kommune-Zeit entstanden sind, steht bis heute aus. Die Werke aus der Kommunezeit sind in einem Kontext von sexualisierter Gewalt entstanden – ein Umstand, der in den aktuellen Publikationen (u. a. otto muehl – works 1956–2010. Sammlung Friedrichshof. Herausgegeben von Hubert Klocker, 2019) und Ausstellungen nicht berücksichtigt wird. Darauf hat die Intervention der Gruppe MATHILDA im Rahmen eines Eingriffs bei der Finissage zur Werkschau Muehls am Friedrichshof hingewiesen.

1977
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Ideologische Struktur

Erste kritische Medienberichte

Jan 1977

Durch europaweite Werbeveranstaltungen entstehen zahlreiche neue Gruppen in Frankreich und Skandinavien. Kulturelle Veranstaltungen wie Theaterkurse, Kindertheater, Rhetorikkurse, Malkurse usw. werden abgehalten. Die Kommune wird in der Öffentlichkeit erstmals kritisch betrachtet und mit einer Sekte verglichen.

1979
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Auflösung der Bezeichnung AAO

Jan 1979

Die AAO hat mittlerweile über 500 Mitglieder. Die Kritik der Öffentlichkeit an der Kommune wächst. Kommunenmitglieder werden aufgefordert wieder in ihren erlernten Berufen zu arbeiten und sich auch äußerlich anzupassen: "Anzug und Dauerwelle ersetzen Latzhose und Glatze."

1980
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Einführung des Kinderpalavers als Disziplinierungselement

Jan 1980

Für die am Friedrichshof geborenen und dort aufwachsenden Kinder gab ab 1980 jeden Tag nach dem Mittagessen das Kinderpalaver. Dabei wurde vor allen über einzelne Kinder gesprochen, wer gut und vor allem wer schlecht war. Die Kinder wurden aufgefordert, sich gegenseitig zu denunzieren. Das jeweilige Kind, über das gerade gesprochen wurde, musste währenddessen in die Mitte. Otto Muehl disziplinierte die Kinder mit verschiedenen Strafmaßnahmen, wie z. B. "Runter in der Struktur" (die Einführung der hierarchischen Struktur in der Kommune galt auch für Kinder), "Bildungsrunde" (Strafaufgaben während die anderen Kinder am kollektiven Nachmittagsprogramm teilnahmen. Die Strafaufgaben umfassten nicht nur schulische Aufgaben, sondern Putzen und besonders unangenehme harte Arbeiten im Kommunealltag). Das Kinderpalaver wurde bis zur Verhaftung von Otto Muehl aufrecht erhalten.

1983
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Kein Einzug mehr möglich – AIDS

Jan 1983

Aus Angst, dass AIDS in die Kommune kommt, werden keine neuen Mitglieder von außen mehr aufgenommen. Alle, die nicht mehr für interne Arbeiten, wie z. B. für Kinderversorgung, Haushalt oder Organisation gebraucht wurden, arbeiten ab jetzt im Verkauf von Versicherungen und Immobilien in den Stadtgruppen. Die Führungsclique der Kommune bildet sich immer stärker heraus. Dadurch, dass bislang Zweierbeziehungen verboten waren, kommt es zu einer Auszugswelle. Menschen, die sich bislang stark angezogen gefühlt hatten, wurden entweder von der Führung getrennt und in verschiedene Gruppen geschickt oder eine Person oder ein Paar zog aus.

1984
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Ideologische Struktur

Filme

Jan 1984
Filme

Mit dem Spielfilm "Vincent" beginnt eine Serie von Filmen, die unter Beteiligung bekannter österreichischer Künstler gedreht werden. Weitere Spielfilme folgen, wie z. B. "Picasso" (1986), "Back to Fucking Cambridge" (1987).


Bild: Theo Altenberg als Vincent van Gogh

1985
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Sexueller Missbrauch

Jan 1985

Die Firmenleiter*innen in den Stadtgruppen werden abgesetzt und durch Gruppenleiter:innen aus Zentrale am Friedrichshof ersetzt. Die in der Kommune aufgewachsen Mädchen und Jungen sind in der Pubertät. Sie werden gegen ihren Willen von Otto und Claudia Mühl, wie sie es nennen, „in die Sexualität eingeführt“. Beziehungen unter Gleichaltrigen sind nicht erlaubt und werden sofort unterbunden. Mädchen und Jungen werden immer wieder getrennt. Claudia Mühl führt als „Erste Pädagogin“ die Struktur bereits bei den Kleinkindern ein. Die Struktur bestimmt als Unterdrückungs- und Disziplinierungsmittel das Zusammenleben in der hierarchisch-totalitär organisierten Kommune.

1986
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Etablierung eines Herrscherpaars und eines Thronfolgers

Jan 1986

Otto Mühl heiratet die „Erste Frau“ der Kommune, Claudia Mühl. Ihr 1985 geborener Sohn wird zum „Thronfolger“ aufgebaut. Für alle anderen Kommunard:innen sind Zweierbeziehungen nach wie vor verboten.

1987
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"Glasnost"

Jan 1987

Es gibt nun in der Kommune massiven internen Widerstand gegen die autoritäre und totalitäre Herrschaft. Otto Muehl nimmt den Begriff "Glasnost" von Gorbatschov auf und setzt nun auch ihm nahestehende Menschen aus der Führungsriege in die Stadtgruppen zum Arbeiten.

1988
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Anzeige gegen Otto Mühl – Aschebilder

Dec 1988
Anzeige gegen Otto Mühl – Aschebilder

Die Unzufriedenheit mit der totalitären Führung von Otto und Claudia Mühl nimmt unter den Kommunard:innen zu. Bisher waren kritische Kommunard*innen zum Auszug gedrängt worden. 1988 jedoch gelang es einigen eine Anzeige aufgrund von sexuellem Missbrauch gegen Otto Mühl einzubringen. Die daraufhin eingeleiteten Voruntersuchungen der Staatsanwaltschaft stärkten die Stellung der internen Kritiker:innen. Um etwaige Beweise zu vernichten, lässt Otto Mühl – von La Gomera aus – in einer großangelegten Aktion das Gemeinschaftsarchiv und die Wohnungen der Gruppenmitglieder am Friedrichshof durchsuchen. Alle persönlichen Aufzeichnungen, wie Tagebücher, der Gruppenmitglieder werden – ohne deren Wissen – eingesammelt und in der örtlichen Heizanlage verbrannt. Die Asche wird in Kisten gefüllt und zwischengelagert. Bei seiner Rückkehr im Frühjahr 1989 verarbeitet Muehl sie in seinen sogenannten „Aschebildern“. Einige Aufzeichnungen entgehen dieser "Säuberungsaktion“.


Bild: Ohne Titel (Aschebild), 1989 Mischtechnik auf Leinwand 141 x 141 cm

1989
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Kommune / Sekte

Jan 1989

In der Presse erscheinen zahlreiche äußerst kritische Artikel gegen Otto Muehl und die Kommune. Otto Muehl schafft für einige Monate in der Kommune die Struktur ab. Einige Monate später – als er merkt, dass er an Macht verliert – führt er sie jedoch wieder ein. Otto Muehl verliert seine Autorität bei den Jugendlichen, die in der Kommune aufwachsen. Viele der Jugendlichen, die aus der Kommune ausgezogen sind, machen Aussagen bei der Polizei gegen Otto Muehl.

1990
1991
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Verhaftung Otto Muehls

May 1991

Otto Muehl wird im Sommer 1991 verhaftet und ein halbes Jahr später (13. November 1991) in einem Gerichtsverfahren in Eisenstadt wegen Unzucht mit Unmündigen, Missbrauch eines Autoritätsverhältnisses und Verstößen gegen das Suchtmittelgesetz zu sieben Jahren Haft verurteilt.